News Leben, Mai 2004

"Nie mehr Rückenschmerzen"
Wie Sie dem Volksleiden Nummer 1 den Kampf ansagen und Ihre Rückenschmerzen für immer besiegen.

Volksleiden: Der Rücken ist eine der schmerzanfälligsten Zonen im menschlichen Körper. Hauptverursacher der Qual ist der moderne Lebensstil: Stress, Verspannungen und mangelnde Bewegung setzen der Wirbelsäule am meisten zu.

Die Qual in Zahlen: Fast die Hälfte aller Österreicher leidet irgendwann unter Schmerzen in Nacken, Bandscheiben, Kreuz & Co. Die häufigsten Ursachen.

Die Therapien: Was Sie wissen müssen – von klassischer Schmerzbehandlung über Alternativmethoden, neue Tricks der Medizin und Selbsthilfeübungen.

Info:
Schmerz in Österreich

  • 40 Prozent der Österreicher haben zeitweise Rückenschmerzen
  • 49 Prozent quälen sich regelmäßig mit Kopfschmerzen
  • 10 Prozent leiden unter Migräne: 14 Prozent der Frauen, 6 Prozent der Männer
  • 1 Million Menschen leidet an chronischen Schmerzen
  • 50 Prozent aller Betroffenen erhalten keine medizinische Hilfe



Die Volkskrankheit Rückenschmerz quält fast jeden Erwachsenen irgendwann in Leben. Was Experten raten.
Das Kreuz hat es in sich: Rund 80 Prozent der Österreicher quälen sich irgendwann im Leben mit Schmerzen im einen oder anderen Wirbelsäulenbereich. Und damit nicht genug: Für etwa ein Drittel davon wird die Qual gar chronische, hält also länger als sechs Monate an. Wie hart Hexenschuss, Bandscheibenschaden, Nackenschmerz und Co zuschlagen können, belegt der Wiener Orthopäde Michael Riedl anhand drastischer Zahlen: „Zirka 64 Prozent aller Krankenstände gehen auf Probleme des Bewegungsapparats zurück, zwei Drittel davon eindeutig auf Rückenschmerzen.“

Teurer Krankmacher
Ein Volksleiden also, das unsere Gesellschaft teuer zu stehen kommt: Das Kreuz mit dem Kreuz kostet die Krankenkassen pro Jahr stolze 4,65 Milliarden Euro an Behandlungsgeldern. Rückenprobleme sind neben Kopfschmerzen der häufigste Grund für Arztbesuche. Dies gilt längst nicht mehr ausschließlich für ältere Patienten. Eine aktuelle Untersuchung der Lübecker Universität zeigte, dass schon ein Drittel der unter Dreißigjährigen sich mit Schmerzen im Rücken herumschlägt.

Die Ursachen
Auslöser der Pein sind in seltensten Fällen angeborene Missbildungen der Wirbelsäule. Die Hauptschuld trägt der moderne Lebensstil, wie Schmerzexperte Reinald Brezovsky vom Gesundheitszentrum Döbling schildert: „Wir bewegen uns zu wenig. Die einseitige Haltung, mit der wir die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch, im Auto oder im Fernsehsessel zubringen, lässt die Rückenmuskulatur verkümmern.“

Der zweite Hauptfaktor im bösen Spiel heißt Übergewicht. Zu viele Kilo belasten Gelenke und Wirbelsäule gleichermaßen und verursachen schmerzhafte Abnützungen. Doch auch eine weitere Belastung macht dem Rücken Zusehends Probleme: die Psyche. Denn Sprüche wie "Die Angst im Nacken“ kommen, so beweisen aktuelle Studien, nicht von ungefähr .
„Egal ob privat oder am Arbeitsplatz: Stress und seelischer Druck führen zu Verspannungen. Und diese verursachen Rückenschmerzen“, erklärt Orthopäde Riedl.

Bewegte Vorsorge
Geht es um kurze Schmerzphasen, heißt die beste Gegenstrategie für gewöhnlich schlicht „Bewegung“. Schonung kann hingegen kontraproduktiv sein, warnt Experte Riedl:“ Die Wirbelsäule lebt von Bewegung. Schlechtes Sitzen ist weniger schlimm als lange Bewegungslosigkeit.“ Sein Vorsorgetipp:„Man sollte die so genannten Haltungsschäden in Verhaltensschäden umbenennen. Am Schreibtisch zu lümmeln, zwischendurch aber immer wieder Bewegung zu machen, ist besser, als sich stundenlang zu gerader Sitzhaltung zu zwingen.“ Und Orthopädie-Papst Hans Tilscher rät: „Wirbelsäulengymnastik sollte so selbstverständlich sein wie das tägliche Zähneputzen.“ Auch Ausdauersportarten wie Inlineskating, Walking, Jogging oder Schwimmen können – wenn sie regelmäßig dreimal pro Woche betrieben werden – dafür sorgen, dass Rückenschmerz schwindet.

Rechtzeitig zum Arzt
Bleiben die Schmerzen im Nacken oder Rücken länger als eine Woche bestehen oder treten die quälenden Phasen öfter als zweimal pro Jahr auf, sollte in jedem Fall ein Arzt zu Rate gezogen werden. Denn dann gilt es, dem Übel zu Leibe zu rücken, so lange es noch geht. Bernhard Stengg, Leiter des „Pain Care“-Zentrums für interdisziplinäre Schmerzforschung und medizinisches Wirbelsäulentraining: „Dauern chronische Verspannungen länger, gewöhnen sich die Muskeln daran. Wenn die großen Muskeln dann verspannt sind, werden auch jene schwächer, die für die korrekte Position der Wirbel verantwortlich sind, und die Bandscheiben werden zusätzlich belastet." Folge: "Der Spannungsschmerz wächst, die Muskeln verkrampfen sich noch stärker." Rasch einen Arzt konsultieren sollte man, wenn sich plötzlich Lähmungserscheinungen einstellen. Denn dies kann ein Hinweis auf einen Bandscheibenvorfall sein, der rasch behandelt werden muss. Riedl: „Kleine Bandscheibenvorfälle merkt man oft gar nicht. Der Körper entsorgt die abgegangenen Knorpelstücke  selbst. Drückt aber ein großes Stück Knorpelgewebe einen Nerv ab, sollte schnell operiert werden, weil dieser sonst später sehr lange zur Regeneration braucht.“
Durch moderne Mikrochirurgie, die mithilfe der Computertomografie punktgenau arbeiten kann, sind solche Eingriffe wesentlich schonender als früher. Besteht jedoch keine Lähmung und ist der Schmerz mit Medikamenten erträglich zu machen, setzen Spezialisten lieber auf Zeit als aufs Skalpell, wie Neurochirurg Gedeon Perneczky von der Wiener Rudolfstiftung erklärt: „Bevor man operiert, sollte man versuchen, zwei bis drei Monate zuzuwarten. Erst dann weiß man. ob der Körper selbst mit dem Problem fertig wird oder eine Operation nötig ist.“

Die besten Therapien
Fest steht: Sind die Schmerzen stark, müssen sie mit Medikamenten gebremst werden. Sonst sorgt der Wunsch, weiteren Schmerz zu vermeiden, für eine noch verkrampftere Haltung und psychischen Stress. Die Grundidee aller neuen Therapien gegen tückischen Schmerz im Rücken ist, die Wirbelsäule durch Bewegung wieder flott zu machen. Wichtige Voraussetzung: Man muss erst feststellen, wo die wahre Schwäche liegt. Deshalb messen etwa Günther Wiesinger und Michael Quittan, Spezialisten für physikalische Medizin am Wiener Wirbelsäulenzentrum, zuerst exakt, wo die muskulären Defizite liegen: „Genaue Analyse ist Teil des Konzepts.“ Danach hilft Training an Spezialgeräten, den Rücken in Ordnung zu bringen.
Eine ähnliche Strategie verfolgt Bernhard Stengg mit dem „Spacecurl“-Training: Das von der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA entwickelte Gerät wirbelt Patienten um 360 Grad in alle Richtungen und mobilisiert alle Rückenmuskeln.

Spacecurl heißt das von der NASA entwickelte Trainingsgerät, mit dem Facharzt Bernhard Stengg die Rückenmuskulatur gezielt stärkt und Schmerzen bannt. In seinem „Pain Care“-Zentrum werden durch Koordinations- und Krafttraining 90 Prozent der Patienten in drei Monaten vom Schmerz befreit.

Neue Hoffnung
Auch gegen chronische, die Lebensqualität einschränkende Schmerzen hat die Wissenschaft neue Waffen. Etwa die batteriebetriebene Mini-Ohrakupunkturgerät „P-Stim“, das Impulse an Energiepunkte am Ohr abgibt und so, wie der Neurochirurg Reinald Brezovsky berichtet, die Pein lindert. Außerdem gibt es implantierte Schmerzmittelpumpen, die der Patient via Fernsteuerung aktivieren kann. Und spezielle Pflaster sorgen – ähnlich wie Hormon- oder Verhütungspflaster – für konstante Schmerzmittelversorgung über die Haut. Brezovsky: „Schmerz ist kein Tabu mehr. Mit neuen Techniken hat heute jeder Schmerzpatient eine Chance auf Lebensqualität.“

TIPP: Was hilft gegen Rückenschmerz

  • BEWEGUNG ist das Um und Auf. Stillsitzen verschärft die Qual.
  • SPORT von Ausdauervarianten wie Walking bis Tennis oder Volleyball.
  • ENTSPANNUNG lindert Stress. Und so die dadurch entstandene Pein.
  • RÜCKENANALYSEN klären, welche Muskeln es zu kräftigen gilt.
  • MEDIKAMENTE, wenn starker Schmerz die Bewegungslust hemmt.
  • MANUALTHERAPIE wie etwa Osteopathie, die Verspannungen löst.
  • OPERATION, wenn ein Bandscheibenvorfall Lähmungen verursacht.


Eigentümer und Medieninhaber: Verlagsgruppe NEWS Gesellschaft m.b.H.,
Chefredaktion: Dr. Claudia Semrau
NEWS LEBEN, Nr. 1, 2004

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