Gesundes Leben, Februar 2001

"Lassen Sie locker!"

Viele kennen das Problem: Schmerzen durch verspannte Muskulatur, ausgelöst durch eine schlechte Haltung. Medizinisch anerkannte Entspannungsmethoden, wie das Biofeedback, helfen bei Beschwerden.

Nach den heutigen Idealvorstellungen hat der moderne Mensch hoch leistungsfähig und energiegeladen zu sein. Gleichzeitig sollte man aber locker, gelassen und entspannt wirken. Auch unsere Sprache zeigt dieses Dilemma: Wenn wir „gespannt“ zuhören oder „mit Spannung“ auf einen Bericht warten, tut sich unser Körper schwer, dabei locker zu sein. Zusätzlich „lastet“ oft schwere Verantwortung „auf unseren Schultern“.

Der Bewegungsapparat und da ganz besonders die Wirbelsäule als „Seelenstab“ des Körpers gelten in der psychosomatisch orientierten Medizin als Ausdrucksorgan für Überbelastung, Sorgen und Ängste.

Sitzen, stehen, gehen und liegen
Die optimale Körperposition für unseren Bewegungs- und Stützapparat wäre der regelmäßige Wechsel zwischen den verschiedenen Positionen: sitzen, stehen, gehen und liegen. Im Gegensatz dazu sitzt der „Homo sessilis“ stundenlang bewegungslos vor dem Computer und das noch dazu mit Rundrücken und vorgestrecktem Kopf. Der Muskel, der nicht mehr in der Lage ist, ausreichend zu stützen und zu halten, verkrampft sich zunehmend, weil er zu schnell überlastet ist. Die vermehrte Spannung im Muskel führt über eine verminderte Durchblutung zu einer zunehmenden Überempfindlichkeit von Schmerzrezeptoren, was neuerliche noch rascher auftretende Verspannungsschmerzen zur Folge hat.

Körperpositionen wechseln
Durch das Wechseln der Körperposition zumindest einmal stündlich, kann man die Situation schon etwas verbessern. Als zweiten Schritt können sie mit einer gezielten Muskelaufbau-Trainingstherapie, mittel- und langfristig einen ausgesprochen wirkungsvollen Schutz gegen Überlastungsschmerzen erzielen.

Bei länger bestehenden Rückenbeschwerden ist durch einen Facharzt abzuklären, dass es sich nicht um einen „bösen“ Verursacher der Rückenschmerzen handelt wie z.B. ausgeprägte Bandscheibenvorfälle, Tumoren oder Entzündungen.

Medizinische Entspannungsmethoden
Als eine weitere sehr wirksame Strategie gegen verspannte Muskulatur gilt das Erlernen einer medizinisch anerkannten Entspannungsmethode. Dazu gehören das Biofeedback, die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und die hypnotische Tiefenentspannung. Allen diesen Verfahren liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Entspannung und Schmerz oder körperliches Missempfinden zwei so widersprüchliche Wahrnehmungen darstellen, dass sie nicht gleichzeitig auftreten.

Biofeedback
Beim Biofeedback handelt es sich um eine computergestützte Entspannungsmethode. Dabei werden nur begrenzt oder nicht wahrnehmbare Parameter wie die Hauttemperatur, die Herzfrequenz, die Atmung oder die Muskelaktivität eines verspannten Muskels auf dem Bildschirm dargestellt und so für den Patienten sichtbar gemacht. Diese Körperfunktionen werden vornehmlich vom unwillkürlichen Nervensystem gesteuert und beeinflusst. Sie reagieren sehr sensibel auf Stress- und Belastungsreize.

Nach einem ausführlichen Eingangsgespräch wird der Patient mit einer für ihn stressbesetzten Situation konfrontiert, z.B. muss er sich das letzte nervenaufreibende Gespräch mit seinem Chef vorstellen. Währendessen kann der Betroffene am Bildschirm die dabei auftretende Veränderung der dargestellten Werte direkt mitverfolgen und wird bemerken, dass diese Veränderungen auch nach Beendigung des Stressreizes mehr oder weniger lang bestehen bleiben. Nach diesem ersten Schritt des Bewusst- und Sichtbarmachens der Einflussnahme von äußeren Stressfaktoren auf Körperfunktionen erfolgt das Training einer verbesserten und beschleunigten Entspannungsfähigkeit. Ist dieses Ziel nach einigen Sitzungen erreicht, geht es um die Umsetzung des Erlernten im Alltag auch ohne Rückmeldung durch Biofeedback.

Hypnotische Tiefenentspannung
Durch die hypnotische Trance können Patienten besonders gut, in relativ kurzer Zeit einen tiefen und erholsamen Entspannungszustand erreichen. Zu Beginn wird bei einem eingehenden Erstgespräch ein „persönlicher Ruheort“ wie z.B. ein tropischer Strand oder eine blühende Almwiese definiert. Dabei kann es sich um eine tatsächlich besuchte Urlaubsdestination handeln, mit der der Entspannungssuchende besonders schöne Erinnerungen verbindet. Aber auch ein Fantasieort, an dem man schon immer einmal sein wollte, ist möglich. Anschließend wird eine bequeme Körperhaltung eingenommen und angeleitet vom Hypnotherapeuten der Ruheort in der Fantasie aufgesucht. Um einen tiefen Trancezustand zu erreichen, werden alle Sinne des Betroffenen miteinbezogen. Der Therapeut lässt sich z.B. das Gefühl der Sonnenstrahlen auf der Haut oder die Farben des Meeres beschreiben. Bereits nach wenigen Sitzungen ist es möglich, in der Hypnose sehr schnell an diesen Ruheort zu gelangen und die positiven und entspannenden Gefühle dieses Ortes zu erleben und auch nach der Trance noch zu verspüren.

Das Erlernen der notwendigen Suggestionsformeln für den Ein- und Ausstieg aus der Trance ist unter fachkundiger Führung möglich. So ist dieser Tiefenentspannungszustand in Form der Selbsthypnose später auch ohne Therapeuten bei Bedarf erlebbar.

Progressive Relaxation nach Jacobson
Die Progressive Relaxation nach Jacobson wurde in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Amerika entwickelt. Diese Entspannungsmethode wird weltweit vor allem bei chronischen Verspannungsschmerzen im Bereich des Bewegungsapparates eingesetzt.

Dabei macht man sich zunutze, dass ein Entspannungsgefühl besonders ausgeprägt nach einer bewussten Anspannung des betroffenen Muskels erlebt wird. In einer genau definierten Abfolge werden angefangen von den Fäusten und den Unterarmen, über die Gesichtsmuskulatur bis hin zu den Beinmuskeln die verschiedensten Körperpartien zuerst für einige Sekunden angespannt, um sie gleich anschließend bewusst lockerzulassen. Die Aufmerksamkeit sollte dabei ganz gezielt bei der jeweiligen Muskelgruppe verweilen, um den Unterschied zwischen Spannung und Entspannung wahrzunehmen. Dies führt den Patienten einerseits zu einer besseren Körperwahrnehmung und andererseits über die Entspannung einzelner Muskelgruppen zu einem ganzheitlich erlebbaren Entspannungszustand. Durch die Schwerpunktsetzung auf die Entspannungsphase wird dieser Positivzustand betont. Der Patient kann innerhalb weniger Wochen lernen, in Stress- oder Anspannungsphasen selbständig das Entspannungsgefühl wiederherzustellen.

Alle diese Methoden sind seit einigen Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil von ganzheitlichen Therapiekonzepten bei chronischen Rückenschmerzpatienten. Sie sind für jeden erlernbar und nachgewiesenermaßen ein wirksames Stressbewältigungsinstrument zur Vorbeugung von chronischen Beschwerden durch Muskelverspannungen.

Dr. Bernhard Stengg
Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation

Info
Für Rückfragen und weitere Informationen steht Ihnen Dr. Bernhard Stengg, Leiter des pain care Schmerzforschungszentrums, Mariahilfer Straße 105/1/16 unter der Tel.Nr. 01/59 555 22 Montag bis Donnerstag von 9 bis 20 Uhr, Freitags von 9 bis 15 Uhr zur Verfügung.


Herausgeber: Wiener Städtische Versicherung AG
Gesundes Leben, Nr. 2/01

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