Die Presse, Juli 2001

"Chronischer Schmerz: Auch Psyche spielt eine Rolle"
Das Rückenmark spielt bei Schmerzprozessen eine größere Rolle als bisher angenommen.

Mehr als 700.000 Österreicher leiden an chronischen Schmerzen. Schmerz aber tut nicht nur weh, er löst etwa im Rückenmark allerhand Reaktionen aus. So kommt es in einem bestimmten Teil des Rückenmarks, im sogenannten Hinterhorn, zu histochemischen Veränderungen - „und das bereits acht Stunden nach einem akuten Schmerzreiz“, weiß Dr. Bernhard Stengg von pain care, einem Zentrum für interdisziplinäre Schmerzforschung und medizinisches Wirbelsäulentraining in Wien. Diese Veränderungen sind reversibel, auch wenn der Schmerz länger als drei Monate anhält, also zum chronischen Schmerz wird. Im letzteren Fall aber „glaubt“ das Rückenmark, es handle sich um bleibende Anforderungen an sein System und schüttet unter anderem Gewebsmediatoren aus, es werden neue Rezeptoren produziert, die sensibel für Schmerz machen. Stengg: „Nervenbotenstoffe, die normalerweise nicht ausgeschüttet werden, wie etwa Glutamat, werden forciert gebildet und tragen zur Sensibilisierung im Rückenmarksbereich bei.“ Zusätzlich kommt es zu einer Überrepräsentation des Schmerzes im Gehirn. „Hält der Schmerz länger an, wird das Symptom Schmerz zur chronischen Schmerzkrankheit“, vermerkt Stengg. Das heißt: Der Schmerz ist noch da, auch wenn seine Ursache vielleicht längst eliminiert ist. „Das Wissen, dass sich der Schmerz verselbstständigen kann, was ein anderes diagnostisches und therapeutisches Vorgehen nötig macht, wird in der Ausbildung zum Mediziner nach wie vor sträflich vernachlässigt“, behauptet Stengg. Der klassische Schmerzpatient – so Stengg – würde sechs bis sieben Jahre „umherirren“, bis er endlich die Therapeuten findet, die ihm helfen können. Die Therapeuten, denn Schmerz kann interdisziplinär am wirkungsvollsten behandelt werden.

Und genau das geschieht im pain care, wo elf Fachärzte aus sieben verschiedenen Disziplinen Schmerzpatienten gemeinsam mit Physiotherapeuten, Heilmasseuren und Sportwissenschaftlern betreuen. Das Therapieangebot ist sehr breit gefächert und reicht von Akupunktur über Hypnose und Biofeedback bis zu Entspannungsmethoden, Gymnastik und Psychotherapie. „Wir bieten auch psychotherapeutisch geführte Schmerzbewältigungsgruppen, denn nach der derzeitigen Lehrmeinung gehört die psychosoziale Komponente nicht als letztes Glied in der Kette, sondern von Anfang an bei der Schmerzbekämpfung dazu.“  Denn beim chronischen Schmerz würden immer körperliche, seelische und soziale Ursachen eine Rolle spielen. Einer der seelischen Hintergründe: Für viele chronische Schmerzpatienten bekommt der Schmerz zunehmend Bedeutung, alles konzentriert sich darauf, es kommt zu einer Fokusierung auf den Schmerz. „Bildgebende Verfahren haben da so gut wie keine Korrelation zum Schmerz, mit Gesprächen und Angreifen lassen sich die Schmerzursache und ein wirkungsvoller Therapieansatz viel eher finden.“ Vorraussetzung natürlich: „Böse“ Ursachen wie etwa Krebs oder ein Bandscheibenvorfall müssen erst ausgeschlossen werden. Dann gelte es, so der Fachmann, der Chronifizierung des Schmerzes vorzubeugen. Und zwar mittels medikamentöser Therapie – „ausreichend dosiert und keine homöopathische Dosis“ – sowie durch „Nicht-Schonung.“ „Einer der Hauptfaktoren für die Chronifizierung, vor allem von Rückenschmerzen, ist lange, anhaltende Schonung“, sagt Stengg. Bei dreiwöchiger Bettruhe würde die Muskulatur um 25 bis 30 Prozent abgeschwächt werden, „egal ob einer 20 oder 60 Jahre ist.“ Stengg's Rat, etwa bei akuten Rückenbeschwerden: „Versuchen Sie, Ihre täglichen Aktivitäten so gut wie möglich weiterzumachen, vermeiden Sie, schwere Sachen zu heben, legen Sie sich vielleicht einmal kurz hin. Aber bitte nicht acht Stunden am Tag, das bringt gar nichts, das ist im Gegenteil schädlich.“

Angst vor Aktivität
Denn: Kurzfristig würden die Beschwerden bei den „Betthockern“ wohl besser werden, langfristig aber brauchen jene, die sich etwa eine Woche ins Bett legen, viel länger, um den dadurch bedingten Muskelabbau wieder aufzufangen. Eines der herausragendsten Merkmale eines chronischen Schmerzpatienten – so Stengg – sei die Angst vor Aktivität. Auch hier greift man im pain care ein, unter vielem anderem mit medizinischer apparativer Kräftigungstherapie und ärztlich überwachtem und individuell abgestimmtem (Wirbelsäulen-)Training. Stengg: „Durch Inaktivität bei Rückenschmerzen kommt es zu einer ausgeprägten Abschwächung der Wirbelsäulenmuskulatur. Dies führt wiederum zu vermehrten Schmerzen und in der Folge zu noch mehr Schonung. Damit schließt sich der Teufelskreis des Schmerzes.“


Information: pain care, Tel. 01/59 555 22.
Medieninhaber: "Die Presse" Verlags-Gesellschaft m.b.H.
Redaktion: Claudia Richter
Die Presse, Nr. 16.011, Juli 2001

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