Medizin Populär, März 2002

"Manuelle Medizin"


Be-Handlung von Schmerzen im Bewegungsapparat im ursprünglichen Sinn: Die Manuelle Medizin ist längst von einer Randerscheinung zu einem fixen Bestandteil der Orthopädie und Physikalischen Medizin geworden.

Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes sind laut Statistik Austria nach Beschwerden der Atmungsorgane die zweithäufigste Ursache für Krankenstandsfälle. Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten Schmerzzuständen der Österreicher. Doch diese Schmerzen sind nur zu einem geringen Teil durch krankhafte Veränderungen an Knochen, Wirbeln oder Gelenken bedingt. „Nur bei 15 Prozent aller Wirbelsäulenbeschwerden lassen sich die Ursachen durch bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Computertomographie nachweisen“, betont Primarius Hans Tilscher, Vorstand der Abteilung für konservative Orthopädie und Schmerztherapie im Orthopädischen Krankenhaus Speising in Wien und Präsident der Österreichischen Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin. Allen anderen Beschwerden liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit Muskelverspannungen oder eine durch jahrelange Fehlhaltung begründete Fehlbeweglichkeit der Gelenke zu Grunde. Diese Beschwerden zu ergründen und zu lindern, das ist das Ziel der Manuellen Medizin.

Diagnosemethoden
Viele denken bei manuellen Behandlungsmethoden vor allem an die Chiropraktik, oft auch „Einrenken“ genannt. Eine uralte Art zu heilen, denn offenbar wandten schon die Ägypter vor 4000 Jahren solche Methoden an, und in der Medizingeschichte tauchen Berichte von „Gliedersetzern“ und „Ziehleuten“ aus dem Mittelalter auf. Im 19. Jahrhundert entwickelten die US-Amerikaner Andrew Taylor Still und Daniel David Palmer verschiedene Schulen von Handgrifftechniken. Heute umfasst die Manuelle Medizin, die zwar der Komplementärmedizin zugerechnet wird, aber bereits einen fixen Platz in der Orthopädie und Physikalischen Medizin hat, weit mehr als das bloße Ziehen und Knacken. „Sie bietet auf jeden Fall zuverlässige Methoden zur Diagnose“, sagt Dr. Bernhard Stengg vom Wiener Schmerzforschungszentrum pain care.

Um festzustellen, worauf Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat zurückzuführen sind, geht der Arzt nach einem genauen Schema vor:

  • Durch Tasten erfühlt er die Temperatur und die Feuchtigkeit der Haut – beide sind wichtig für die Diagnose,
  • durch leichtes Drücken wird die Druckempfindlichkeit getestet,
  • die Fähigkeit, bestimmte Bewegungen auszuführen, wird aktiv und passiv erprobt (Provokationstest),
  • die Beweglichkeit der Gelenke wird untersucht, ebenso wie viel Kraft der Patient hat und wie empfindlich er reagiert (Funktionsuntersuchung).


Die Therapie
Früher hat man gemeint, dass Gelenke oder Wirbel verschoben oder eingeklemmt seien und durch einen kurzen Handgriff wieder eingerenkt werden können – verbunden mit dem berüchtigten Knacken der Chiropraktik. Heute weiß man, dass diese Annahme auf einem falschen Verständnis der Anatomie beruhte. Heute vergleichen die Experten Einschränkungen der Beweglichkeit und Schmerzzustände am Bewegungsapparat eher mit einer klemmenden Schublade: Muskeln haben sich zusätzlich verspannt und verhindern ebenfalls die reibungslose Funktion der Gelenke.

Zur Therapie kennt die Manuelle Medizin verschiedene Techniken:

  • Die Weichteiltechnik oder Osteopathie, bei der sanfter Druck auf die verspannten Muskeln ausgeübt wird,
  • die Mobilisation, bei der die Gelenke vorsichtig bewegt oder Muskeln in einem bestimmten Rhythmus aktiviert und entspannt werden und
  • die manipulative Technik, bei der durch spezielle Handgriffe Reize auf die Nervenenden im Muskel und in den Sehnen wirken, die der Verspannung entgegenarbeiten.


Welche Methode angewendet wird, kann nur der Arzt mit genauem Befund entscheiden. Manchmal werden die Techniken miteinander kombiniert – eventuell auch unter Einbeziehung von Akupunktur, Akupressur oder Reflexzonenmassage zur Linderung von akuten Schmerzen.

Grenzen der Be-Handlung
Die Grenzen der Manuellen Medizin liegen dort, wo eine krankhafte Veränderung des Skeletts vorliegt: etwa bei Knochen- oder Wirbelbrüchen, schweren Abnützungserscheinungen, Osteoporose, Gelenksentzündungen, neurologischen Erkrankungen oder Knochenmetastasen. Und: Wenn die Manuelle Medizin einmal geholfen hat, Schmerzen zu lindern, muss der Patient laut Primarius Tilscher selbst weiterarbeiten, um zu verhindern, dass die Beschwerden wieder auftreten. mit gezielter Gymnastik.

Was
Die Manuelle Medizin bietet die Möglichkeit, Schmerzursachen am Bewegungsapparat zu lokalisieren, sowie verschiedene Methoden der Behandlung. Die Therapie umfasst Weichteiltechniken (Osteopathie), bei denen der Arzt Druck auf die verspannten Muskeln ausübt, die Mobilisation, bei der die Gelenke bewegt oder die Muskeln angespannt und entspannt werden, und die Manipulation, bei der durch kurze Handgriffe verspannende Blockierungen gelöst werden können.

Woher
Das Heilen durch gezielte Handgriffe an Gelenken ist eine uralte Methode. Die Osteopathie wurde von dem Amerikaner Andrew Taylor Hill im 19. Jahrhundert begründet. Zu Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der Amerikaner Daniel Palmer die Chiropraktik. Inzwischen wurden die Techniken stark weiterentwickelt.

Wer
Jeder Arzt, der Manuelle Medizin beherrscht, ist auch Schulmediziner. Wichtig ist, dass der Arzt eine fundierte Ausbildung hat. Ein Diplom der Österreichischen Ärztekammer gibt es nach 300 Stunden Ausbildung. Derzeit führen 1353 Ärzte in Österreich dieses Diplom.

Für wen
Die Manuelle Medizin wird hauptsächlich bei Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparates angewandt, die durch Fehlbelastungen hervorgerufen worden sind (funktionelle Schmerzen) – sowohl zur Diagnose als auch zur Therapie. Vorsicht ist bei Beschwerden an der Halswirbelsäule geboten. Falsche Handgriffe durch nicht ausreichend ausgebildete Therapeuten können Erscheinungen wie nach einem Schlaganfall verursachen. Nicht zielführend sind die Methoden der Manuellen Medizin bei Beschwerden, die durch krankhafte Veränderungen an den Knochen oder Gelenken verursacht sind. Solche Veränderungen sind durch bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Computertomographie nachweisbar.

Wie lange
„Wenn nach drei Behandlungen keine Besserung eintritt, sollte der Arzt die Diagnose überdenken“, meint Dr. Bernhard Stengg. Werden mehrere Behandlungsmethoden wie Manuelle Therapien, Akupunktur oder Neuraltherapie miteinander kombiniert, sollte nach spätestens zehn Sitzungen eine deutliche Besserung erzielt sein.

Wie teuer
Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Behandlung in unterschiedlichem Umfang und Ausmaß. Manche Zusatzversicherungen kommen für die Therapie auf. Ein klärendes Gespräch, noch bevor die Behandlung in Angriff genommen wird, ist sinnvoll.


Medieninhaber (Verleger) und Herausgeber: Österreichische Ärztekammer,
Redaktion: Elisabeth Tschachler-Roth
Medizin populär, Nr. 3/2002

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