Medizin populär, Dezember 2001

"Kreuzschmerz"

Wenn zwei das Gleiche tun, kommt bekanntlich noch lange nicht dasselbe dabei heraus. Auch mit der Last von Schmerzen gehen Menschen sehr verschieden um. Wenn man bei Kreuzschmerzen das Richtige tut, kann man sich aber sehr viel ersparen. Lesen Sie hier, wie.

Im Umgang mit Kreuzschmerzen haben sich zwei Typen herauskristallisiert, erzählt Primarius Univ. Doz. Dr. Friedrich, Orthopädisches Spital in Wien, von den neuesten Erkenntnissen der Experten: „Vermeider“ und „Bewältiger“. Beide Verhaltensweisen sind nachvollziehbar und verständlich. Nur dass die „Vermeider“ sich unter Umständen ein chronisches Leiden mit einem enormen Verlust an Lebensqualität und natürlich auch Kosten einhandeln.

Kurt B. 43, ist ein „Vermeider“. Seine Rückenschmerzen hat er seit dem Wochenende. Da hat er den Keller aufgeräumt und alles mögliche hin und her geschleppt. Dass in seinem Bastelparadies Ordnung herrscht, macht ihn zwar sehr zufrieden, aber das Kreuz, das Kreuz. Nein in die Arbeit kann er heute nicht. Er muss liegen bleiben. Sicher besser, wenn er sich schont. Da könnte ja wer Weiß-Gott-was draus werden... Nach zwei Wochen ist tatsächlich nichts besser geworden.

Frieda M. 48, gehört zu den „Bewältigern“. Seit ein paar Tagen tut ihr der Rücken weh. Seit einiger Zeit ist im Büro wahnsinnig viel zu tun. Sie schreibt und schreibt und schreibt... Wenn Frieda nach Hause kommt, ist auch nicht viel mit Ausruhen. Es entspricht auch gar nicht ihrem Charakter. Sie hat sogar das Bedürfnis, sich trotz Rückenschmerzen mehr zu bewegen. Sie nimmt leichte Schmerzmittel. In der Mittagspause verzichtet sie auf den rituellen Kaffeehausbesuch, sondern geht mit ihrer Kollegin spazieren. Nach zwei Wochen geht es ihr viel besser.

Beide haben das Gleiche, nämlich „banale“ Rückenschmerzen. Rund 90 Prozent der Rückenschmerzen sind unkompliziert und strahlen nicht ins Bein aus. Dr. Friedrich fasst zusammen: „Diese Kreuzschmerzen gehen meist schon dadurch vorbei, dass man seine gewohnten Aktivitäten soweit es der Schmerz erlaubt, beibehält.“ Vorausgesetzt, man macht es nicht so wie Kurt, schont sich und legt sich hin. Vorbei geht dieses Kreuzweh nur dann, wenn man seine gewohnten Aktivitäten beibehält. Freilich ist Angst vor Schmerzen und „hinlegen“ eine verständliche Reaktion und im Prinzip auch eine sehr sinnvolle. Schließlich sind Schmerzen wichtige und notwendige Warnssignale. Wenn man mit einem verstauchten Fuß herumspaziert, macht man noch mehr kaputt, wenn man mit hohem Fieber aufsteht, riskiert man unter Umständen einen Kreislaufkollaps. Nur: Rückenschmerzen haben sehr oft keine solche Warnfunktion. Sie sind in den meisten Fällen „banal“, können aber – und das ist eben ihre Besonderheit – sehr leicht chronisch werden.

Zahlen & Fakten Rückenschmerzen

  • Jeder Zweite leidet einmal pro Jahr unter Rückenschmerzen
  • Zwei Drittel der Menschen mindestens einmal im Leben
  • Der Gipfel liegt zwischen 40 und 50


Das Resultat: Rückenschmerzen sind Krankheitsursache Nummer 1 bei chronischen Schmerzpatienten, von denen die meisten nur deswegen an einer enormen Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität leiden, weil die ersten Wochen „schief“ gelaufen sind, betont Dr. Friedrich. Laut Dr. Bernhard Stengg, Wirbelsäulenspezialist und Schmerztherapeut in Wien wird nach drei Monaten anhaltender Schmerz von „chronisch“ gesprochen. Die Behandlung im chronischen Stadium bedeutet für den Einzelnen einen enormen Aufwand und für die Volkswirtschaft einen riesigen Schaden. Was aber heißt nun „banal“ bei Kreuzschmerzen? Im Grunde genommen nichts anderes, als dass sie bald ohne spezielle Behandlung vergehen, auch wenn die Ursache vielleicht nicht ganz so banal ist – rund 30 verschiedene kennen die Fachleute mittlerweile. Zu den häufigsten gehören Verspannungen. Wir reagieren ja mit dem Körper auf seelische Umstände und Einflüsse von außen. Der Rücken ist bei vielen Menschen so etwas wie eine „Sollbruchstelle“. Das spiegelt sich in zahlreichen Redensarten wie „Eine Menge auf dem Buckel haben“ oder „Ein Mensch mit Rückrat“ oder „ohne Rückrat sein“, „Hartnäckig sein“, „Seelenstab Wirbelsäule“ u.s.w. Andere reagieren auf Belastungen wieder mit Magen oder Darm, mit der Haut oder Herzbeschwerden.

Wie die Erfahrungen der Mediziner und die Kostenabrechnungen der Krankenkassen zeigen, ist die Bezeichnung „neue Seuche“ für Kreuzschmerzen keineswegs übertrieben. Einfach zu erklären ist die Zunahme aber nicht. Dazu Dr. Stengg: „Die möglichen Ursachen für Rückenschmerzen haben sich einer Studie zufolge seit dem zweiten Weltkrieg nicht verändert. Der Anstieg dieser Beschwerden ist am ehesten damit erklärbar, dass ihnen heute mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird als früher. Die Beeinträchtigung durch die Schmerzen wird heute also viel stärker erlebt.“

Die Suche nach den Ursachen gestaltet sich dementsprechend schwierig. Vor allem „Bildreportagen“ aus dem Inneren des Patienten führen häufig auf die falsche Fährte. „Bei zwei von drei gesunden Menschen ohne Rückenschmerzen zeigt eine Kernspintomografie (das derzeit genaueste bildgebende Verfahren, Anm.) mindestens Anzeichen einer Bandscheibenvorwölbung oder eines Bandscheibenvorfalls“, berichtet Dr. Stengg, „diese Menschen müssten eigentlich Schmerzen haben, wenn man von Bildbefunden so einfach auf das Befinden schließen könnte.“ Umgekehrt, so Dr. Stengg, leiden viele unter starken Rückenschmerzen, ohne dass sich die geringsten Veränderungen feststellen lassen.

Rücken & Gehirn
Das Gehirn spielt bei Rückenschmerzen eine große Rolle. Es hat nicht nur mit der unterschiedlichen Wahrnehmung von Schmerzen zu tun, sondern auch damit, dass Rückenschmerzen so leicht chronisch werden. Kreuzschmerz ist nicht gleich Kreuzschmerz, fasst Dr. Friedrich zusammen: „Hier spielt es eine besonders große Rolle, wie das Gehirn die Information „Schmerz“ verarbeitet. Es gibt sehr große individuelle Unterschiede, wie das wahrgenommen wird.“ Dr. Stengg zur Chronifizierung: Bei Rückenscherzen kommt es innerhalb von zwei bis drei Wochen zu Umbauvorgängen im Rückenmark, die alles in allem die Schmerzschwelle herabsetzen. Neue Nervenbotenstoffe werden aktiviert und führen zu einer Überempfindlichkeit. Auch im Gehirn wird die „Chemie“ verändert. Ruhende Gene werden „eingeschaltet“ und es kommt zur Bildung zusätzlicher Schmerzrezeptoren. Der für Schmerzen zuständige Bereich wird vergrößert. Alles das führt dazu, dass die Schmerzschwelle herabgesetzt wird und dass die Rückenschmerzen chronisch werden. Deswegen leben die „Vermeider“ so gefährlich.

Was tun bei Kreuzweh?

  1. 1. Nicht ins Bett legen. Die Alltagsaktivitäten weiter führen soweit es der Schmerz erlaubt
  2. 2. Leichte Schmerzmittel nehmen, vielleicht auch ABC-Pflaster
  3. 3. Die ersten beiden Wochen keine Heilgymnastik oder spezielle Wirbelsäulengymnastik machen, besser ist möglichst viel Entspannung, zum Beispiel Wärme in Form von Bädern, den Stress verringern
  4. 4. Wenn es nach einer Woche noch nicht besser geworden ist, zum Arzt gehen


Wann sofort zum Arzt?

  • Wenn die Schmerzen extrem stark sind
  • Wenn die Schmerzen nach einem Sturz auf den Rücken aufgetreten sind - vor allem bei Älteren Gefahr von Wirbelbrüchen
  • Wenn gleichzeitig hohes Fieber auftritt und die Schmerzen in jeder Lage, zu jeder Tageszeit unverändert sind
  • Wenn die Schmerzen übers Knie hinunter ausstrahlen, Schwäche und ein bamstiges Gefühl in den Beinen auftritt - Anzeichen für Bandscheibenprobleme; Alarmstufe Rot, wenn die Kontrolle über Harn oder Stuhl nachlässt
  • Wenn Sie eine Operation im Bauchraum hatten; Das gilt besonders für Frauen nach Operationen im Unterleib
  • Wenn Sie Krebs gehabt haben – Gefahr von Metastasen


Damit es erst gar nicht soweit kommt

  • Fit bleiben – Bewegung sorgt für die Ernährung der Knorpel und Gewebe
  • In sitzenden Berufen für den richtigen Sessel sorgen; so oft wie möglich, also öfter als nötig! – aufstehen
  • In Berufen, bei denen Kreuzweh fast unausweichlich mit der Zeit kommt (Paradebeispiel Bauarbeiter) nicht erst für Ausgleichsgymnastik sorgen, wenn es weh tut
  • Ein gutes Bett ist kein Luxus – es soll individuell verstellbar sein
  • Genügend Entspannungs-Einheiten in den Alltag einbauen und hin und wieder eine Inventur des Lebens machen – wer mit seinem Leben, seiner Arbeit nicht zufrieden ist, leidet schneller unter Kreuzweh als andere



Medieninhaber (Verleger) und Herausgeber: Österreichische Ärztekammer
Redaktion: Dr. Karin Gruber Medizin populär, Nr. 12/2001

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