Format, Juli 2003

"Die Rückenprofis"

Neue Therapien gegen das Managerleiden Rückenschmerz bringen die Wirbelsäule ins Lot, stärken die Muskulatur und trainieren den Gleichgewichtssinn.

Rückentraining à la  NASA: Die Therapie im Spacecurl
Der Chef des Instituts Pain Care Dr. Bernhard Stengg wirbelt Patienten in dem von der NASA entwickelten Trainingsgerät Spacecurl um 360 Grad. Dabei werden nicht nur die Rückenmuskeln gestärkt, sondern auch der Gleichgewichtssinn und die Muskelkoordination trainiert. Dauer: 30 Minuten, ein bis zweimal pro Woche. „Nach drei Monaten Koordinations- und Krafttraining sind 90 Prozent der Patienten schmerzfrei“, so Stengg, der sich vor allem als Coach seiner Patienten sieht.

Ordinationsadresse:
Pain Care Schmerzforschungs GmbH, 1060 Wien, Mariahilfer Straße 105, Tel.: 01/595 55 22

Hexenschuss, Bandscheibenprobleme, Ischiasschmerz, verspannter Nacken. Das Kreuz mit dem Kreuz ist ein weit verbreitetes Übel: 80 Prozent der Österreicher haben im Laufe ihres Lebens Rückenprobleme. „Bei einem Drittel der Betroffenen werden die Schmerzen chronisch“, beobachtet Richard Lemerhofer, Präsident des Berufsverbands der Orthopäden. Ein steifer Nacken oder quälendes Ziehen in der Lendenwirbelsäule sind mittlerweile der häufigste Grund für den Arztbesuch. Rückenschmerzen avancieren auch zur teuersten Volkskrankheit: 4,65 Milliarden Euro investieren die heimischen Krankenkassen jährlich in die Behandlung von Rückenerkrankungen. Auch Spitzenmanager wie Alexander Wrabetz kennen den Kreuzweg nur allzu gut. Der kaufmännische Leiter des ORF vertraut bei Rückenproblemen aber nicht so sehr der Wirkung von Schmerzmitteln, sondern vor allem den Handgriffen seines behandelnden Orthopäden Michael Riedl. Der Rückenprofi wendet bei Patienten, die unter Verspannungen oder Kreuzweh leiden, vor allem die Osteopathie an. Das sanfte Zurechtrücken als spezielle Körpertherapie. Diese ganzheitlich orientierte Therapie ist eine spezielle Form der Manualtherapie und erfreut sich auch in Österreich immer größerer Beliebtheit. „Die Osteopathie ist eine subtile Methode, um Störungen im Bereich des Bewegungsapparats zu erkennen und zu behandeln“, so Riedl. Vom altbekannten „Einrenken“ hingegen hält der Experte wenig: „Im  Gegensatz zu unserer Methode arbeitet die Chiropraktik mit eher ruckartigen Bewegungen, und das ist machmal nicht ungefährlich.“

Neue Rückentherapien mit zusätzlichem "Funfaktor"
Bei der Suche nach dem optimalen Rezept gegen Kreuzweh wird so manches Dogma  über Bord geworfen. So habe französische Ärzte jetzt herausgefunden, dass Bettruhe bei unkomplizierten Rückenschmerzen das zugrundeliegende Problem noch verstärkt. Riedl: „Die Wirbelsäule lebt von der Bewegung“. Und: Nur eine kräftige Muskulatur könne ihr auch den nötigen Halt geben. Den Rücken mittels Bewegungstherapie wieder fit zu machen ist daher das Ziel aller neuen Behandlungskonzepte. Und dafür muss sich der Kreuzwehgeplagte in so manche Maschine spannen lassen. Im Kiesertraining  etwa werden an MedX-Geräten die tiefliegenden Rückenstrecker trainiert. „Viele Patienten haben eine zu schwache Rückenmuskulatur“, weiß auch Günther Wiesinger, Facharzt für Physikalische Medizin am AKH Wien.

Die derzeit spektakulärste Methode im Kampf gegen Kreuzweh kommt aus der Raumfahrt. Im so genannten Spacecurl wird nicht nur die Rückenmuskulatur gestärkt, sondern auch die Muskelkoordination trainiert. Der Patient steht in der Mitte dreier großer Ringe und wird vom Therapeuten vor-, rück- oder seitwärts gewirbelt. „Die Therapie ist ein Ganzkörpertraining mit Funfaktor“, erklärt Bernhard Stengg, ärztlicher Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Schmerzforschung in Wien. Der Facharzt für Physikalische Medizin behandelte bereits über 1800 Patienten in der Raumfahrtkugel. Und so manchen Leidenden schickt er dann auch noch auf die therapeutische Kletterwand. Alles für den Rücken.


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Das Gespräch führte Dr. Claudia Semrau
Format, Nr. 30, 2003

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